Wer bin ich? Wen und wie liebe ich? Manchmal ist es anders als es scheint.

Endlich ist es Frühling! Es ist toll, ein Mensch, eine Frau, ein Mann zu sein! Natürlich ist es immer wieder auch eine Herausforderung, sich mit den Erwartungen ans Mann-Sein und Frau-Sein zu arrangieren und einen eigenen Weg zu fi nden, doch mit unseren individuellen Anpassungsleistungen kreieren wir eine Vielfalt an Frauen und Männern, die weit über konventionelle Klischees hinausgeht.

Vielen Menschen ist es wohler dabei, Menschen in Frauen und Männer einzuteilen und die menschliche Sexualität als eine heterosexuelle Verhaltensweise zu betrachten. Die Fachwelt nennt diese Logik «Heteronormativität ». Diese Logik droht zu übersehen, dass das Leben tatsächlich bunter ist. Wenn schon die «Normalen» manchmal Mühe damit haben, wie sie Mann und Frau sein wollen, können sie sich vielleicht vorstellen, wie anspruchsvoll und belastend es für manche Menschen ist zu merken, dass sie nicht in das sogenannt binäre Konzept von Mann und Frau passen. Das alles kann verwirren. Uns alle.

Zirka jedes tausendste Kind kommt nicht eindeutig als Junge oder Mädchen zu Welt. Die Geschlechtsorgane sind nicht typisch oder die spätere Geschlechtsentwicklung verläuft nicht stereotyp. Diesen sogenannten intersexuellen Menschen wurde früher meist operativ ein weibliches Genital konstruiert, doch heute ist die hiesige Medizin und Sexologie diesbezüglich zum Glück vorsichtiger geworden, betro› ene Menschen können vermehrt selbst entscheiden.

Nebst intersexuellen Menschen gibt es Transgender-Menschen. Sie haben eindeutige Geschlechtsmerkmale, fühlen sich aber im falschen Körper geboren. Einige Kulturen und Religionen tragen dieser Tatsache Rechnung und bezeichnen Menschen, die nicht in die Kategorien Mann/Frau passen, als drittes Geschlecht.

Viel umfangreicher als intersexuelle oder Transgender-Menschen ist jene Gruppe Menschen, deren Biologie und Geschlechtsidentität der Norm entsprechen, die aber in ihrer sexuellen Orientierung davon abweichen. Auch dazu gibt es keine verlässlichen Daten, und das aus nachvollziehbaren Gründen. Sexualität ist etwas Privates und die Scham gross. Studien und Annahmen gehen davon aus, dass zwischen – und … Prozent aller Menschen ihre Sexualität lesbisch, schwul, bisexuell, pansexuell, asexuell oder queer – «anders als normal» – leben. Das sind gar nicht so wenige, zumal sich manchmal auch klassisch heterosexuelle Menschen von Menschen vom gleichen Geschlecht angezogen fühlen, ohne homosexuell zu sein.

In der gesamten Natur gibt es eine grosse Varianz in der Art, wie Sexualität stattfi ndet. Auch in der Tierwelt dient Sexualität nicht ausschliesslich der Fortpflanzung, sondern übernimmt bei vielen Spezies zusätzlich soziale oder selbstregulative Funktionen. Homosexuelles Verhalten etwa ist bei vielen Tierarten verbreitet.

Ja, die Liebe ist bunt und variantenreich, auch in der Geschlechterfrage. Und es ist nur richtig, haben alle Menschen die gleichen, auch sexuellen, Rechte. Trotzdem können viele Menschen, wenn sie nicht der Norm entsprechen, ihren Weg nicht in Ruhe und Sicherheit gehen. Leider fühlen sich Menschen immer wieder in ihrer Identität bedroht, wenn andere «anders » sind, das Letztere einem höheren Risiko für Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalterfahrungen ausgesetzt sind. Deswegen war die Revision der Rassismus-Strafnorm, bzw. die Erweiterung bezüglich der sexuellen Orientierung, notwendig.

Können wir jetzt ein Fazit ziehen? Vielleicht die Erkenntnis, dass es gottlob eine grosse Vielfalt unter uns Männern und Frauen gibt. Und sogar darüber hinaus. Das Leben ist bunt und farbig und das ist schön und gut so. Ganz normal eben.

Martin Bachmann
Mitarbeiter des Mannebüro Zürich, Gewaltberater und Klinischer Sexologe

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