Ich berate, begleite und therapiere Menschen schon lange. Erst als Lehrer, Jugend- und Gassenarbeiter und dann mehr als 20 Jahre im Mannebüro Zürich. Dort merkte ich, dass bei vielen Männern, die mich aufsuchten, nicht nur ein Gewaltproblem vorhanden war, sondern gleichzeitig und ganz prominent sexuelle Fragen dahinter standen. Das Thema Sex interessierte mich schon immer. Und als neugieriger, lebenshungriger Mensch habe ich selber sehr gerne Sex. Vor rund einem Jahr konnte ich nun meine eigene Sexologik-Praxis eröffnen. Zuvor kümmerte ich mich primär um die psychischen Schwierigkeiten der Klienten, die in Gewalt mündeten, nun geht es irgendwie thematisch noch ein Stockwerk tiefer.

Menschen kommen nicht zu mir, um einfach herauszufinden, wie man schöneren Sex haben könnte, sondern weil sie unter einer Dysfunktion leiden. Es kommen Leute aller Altersgruppen, allein oder als Paar. Es gibt zahlreiche Faktoren, die zu sexuellen Problemen führen. Es kann sein, dass man zu wenig darüber weiss, emotionale oder soziale Hürden hat oder Sex körperlich so einseitig konditioniert wurde, dass es irgendwann kompliziert wird. Das gilt es zu erkennen und zu lösen. Das ist das Interessante an meinem Job: In einer Evaluation herauszufinden, wie der Sex meiner Klientinnen und Klienten funktioniert. Was macht Menschen an? Was erregt sie? Wie erleben sich Paare beim Liebesakt? Wie machen sie ganz konkret Sex? Dann kann klar und logisch werden, warum es nicht mehr geht.

Ich bin mir bewusst, einen sehr speziellen Job auszuüben. Manchmal macht er mich auch traurig, meistens erfüllt er mich aber. Sex ist ein so schönes Geschenk, vom lieben Gott, der Natur oder von wem oder was auch immer! Er bereichert das Leben und kann so ein Genuss sein. Über Sex zu reden, ganz substanziell, ist für mich immer ein wenig Rock’n’Roll, ist Energie. Dabei berührt mich das Vertrauen, das mir meine Klienten entgegenbringen. Sie eröffnen mir die intimsten Probleme, über welche sie in ihrem privaten Umfeld kaum zu reden wagen. Ich empfinde das als äusserst ehrenvolle Aufgabe.

Was als Therapeut immer sehr wichtig ist: das Abgrenzen und Trennen von eigenen Erfahrungswelten und Befindlichkeiten. Das gelingt mir grundsätzlich gut. Selbstverständlich beeinflusst das fast tägliche Arbeiten rund um das Thema Sex das eigene Denken, den eigenen Bezug dazu. Bisher hat mich das aber nicht belastet, sondern meine Sexualität eher positiv beeinflusst. Sich mit bestimmten Fragen auseinanderzusetzen, die unkonventionell und einem selbst neu sind, bringen auch mich weiter.

Mich erstaunt es, wie Menschen oft ganz ‹normale› Ansprüche an ihr Sexleben hegen. Es klingt so schön und einfach – und klappt eben manchmal doch nicht. Die meisten meiner Klienten wollen gar keine ausgefallenen Dinge ausprobieren – klar, das gibt es auch. Doch viele suchen schlicht eine ausgewogene Partnerschaft mit schönem, genussvollem Liebesakt. Sie wollen Lust entwickeln auf das Gegenüber, sich als Mensch wohl fühlen dabei. Es berührt mich immer wieder, wie sie dabei ihre Ziele formulieren. Und ich bin immer wieder etwas irritiert darüber, wie verklemmt wir manchmal sind, weil uns die Worte fehlen und wir in unserer Gesellschaft nicht gelernt haben, unverkrampft über Sex zu reden.

Selbstverständlich habe ich – auch wenn dieser Job genau mein Ding ist – mal die Schnauze voll und brauche Abstand. Bei aller Liebe zum Thema benötige ich zuweilen eine Pause von der Arbeit. Ich gehe dann joggen, powere mich aus oder trinke in einer meiner Lieblingskneipen mit Freunden ein Bier. Oder habe Sex mit meiner Freundin – ein tolles Antistressprogramm.

Aufgezeichnet von
Stefan Welzel

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