Das Mannebüro in Zürich war die erste Anlaufstelle für Männer in der Schweiz. Kürzlich verzeichnete es seine 10000. Beratung. Zeit, nachzufragen, wie es den Männern inzwischen geht.

Auch hier darf niemand im Stehen pinkeln. Weinen hingegen ist im Mannebüro kein Problem. Denn im Beratungszimmer mit Zimmerpflanzen und Blick auf die Langstrasse sitzen meist Männer, die nicht mehr weiterwissen.

Es sind vorwiegend solche, die ihre Frauen geschlagen haben. Ihnen hilft das Mannebüro, einen Ausweg aus der Gewalt zu finden. Es kommen aber auch Männer, die generell Stress mit Frauen haben. Oder solche, die an einer Trennung zu zerbrechen drohen. Und immer häufiger suchen Männer Rat, die ein Problem mit ihrer Sexualität haben. Die Auswirkungen sind vielfältig. Der Grund oft nur der eine: Pornografie.

Martin Bachmann (48) ist hier für die Sexualberatung zuständig. Den klinischen Sexologen berührt das Leid, das vom sexuellen Stress ausgelöst werden kann.

Martin Bachmann, wer sitzt hier sonst auf meinem Stuhl?
Martin Bachmann: Immer häufiger Männer um die dreissig, die mit schnellem Internet aufgewachsen sind. Sie haben es sich mit Pornos über so lange Zeit antrainiert, alleine zu kommen, dass es nicht mehr geht mit einer Frau.

Warum ist das so?
Mit einer Frau kann ich gar nicht so schnell Sex haben, wie ich es mir selber machen kann. Ich kann ausserdem mit der Hand einen anderen Druck herstellen als beim Geschlechtsverkehr mit einer Frau.

Und wo genau ist da das Problem?
Ich habe immer mehr Männer hier, die mir sagen, dass sie zu viel im Internet seien. Sie haben Stress deswegen und ein schlechtes Gewissen. Andere landen beim Surfen auf Seiten, wegen denen dann plötzlich die Polizei vorbeikommt. Oder sie realisieren, dass sie sich massive Gewaltdarstellungen anschauen. Die Männer spüren: Das erregt mich. Aber sie merken auch, dass sie sich Dinge ansehen, die weit weg sind von einer einvernehmlichen, genussvollen Sexualität.

Wie wird Konsum zur Sucht?
Viele Männer geniessen es, fühlen sich aber, sobald sie den PC abstellen, wie der letzte Sauhund. Sie löschen den Browser-Verlauf und hoffen, dass ihre Freundin oder Frau es nicht mitbekommt. Sie denken: So, jetzt habe ich’s durch, dann kommt die schlechte Laune und nach einer halben Stunde der Gedanke, ich könnte es ja nochmals tun, ich bin eh schon eine Sau. Das kann ein Suchtmuster ergeben.

Wie helfen Sie?
Ich helfe herauszufinden, warum diese Männer das machen und was sie eigentlich wollen. Wir sind unserer Sexualität nicht hilflos ausgeliefert.

Das müssen Sie erklären!
Beispielsweise gibt es viele Männer, die mir sagen, dass sie nachmittags um drei Uhr im Büro ein bisschen müde und unterzuckert sind und ihnen dann die Idee kommt, einen Porno zu schauen. In der Beratung finden wir heraus, ob es ihnen tatsächlich um sexuellen Genuss geht, einfach darum, eine Pause zu machen oder sich sonst etwas Gutes zu tun. Das kann man aber auch anders. Ein Sandwich essen beispielsweise oder im Treppenhaus ein paar Mal hoch- und runterlaufen.

Was raten Sie jemandem, der lieber wieder Sex mit einer Frau als vor dem Computer haben will?
Der Betreffende muss lernen, wie er mit wenig Tempo seine Erregung steigern kann. Das fängt schon damit an, sich im Liegen selber zu befriedigen und nicht im Bürostuhl vor dem Computer mit einem vollständig angespannten Körper und angehaltener Luft. Denn so kann man auch keinen Sex mit einer Frau haben. Diese Männer müssen lernen, wieder Sex aus dem Körper heraus zu haben – und nicht nur mit der Hand.

Und? Klappt das?
Aber sicher! Ich bekomme viele Rückmeldungen von Männern, dass es wieder geht mit einer Frau. Aber es ist ein richtiges Umlernen. Und es kann bis zu einem halben Jahr dauern.

> Artikel Sonntags-Blick „Was Männer bewegt“ | PDF